Late Registration: Interview mit Kanye West
KanYe West im Interview anlässlich des 2005 erschienenen Albums „Late Registration“. Am 7.9. erscheint KanYe Wests drittes Album „Graduation“ (Universal)
Als Produzent des neuen, viel gepriesenen Common-Albums „be“ haben sie die Meßlatte für anspruchsvollen HipHop sehr hoch gelegt. Wenig später erscheint nun ihr zweites Solo-Album. Verspürten sie besonderen Druck, es noch besser zu machen?
Und wie. Commons Album ist sicherlich ein Meisterwerk und hat das Zeug zum Klassiker. Aber mein Album geht in eine ganz andere Richtung, es hat einen ganz anderen Sound. Common wollte sich mit einem anspruchsvollem HipHop-Album zurückmelden – und das hat er auch getan. Für mich aber geht es um mehr, nicht nur um HipHop. Ich steh auf einen Sound, der Pop- ebenso wie Rock- und Rap-Hörer anspricht.
Erstaunlich, denn vorwiegend wird auf „Late Registration“ gerappt – und nicht gesungen.
Nun ja, diesmal wird mehr gerappt als auf meinem Debüt-Album. „The College Dropout“ war eindeutig Song-orientierter. Einige Songs auf meinem neuen Album stammen noch aus der Session mit Common. Ich habe zwar nicht improvisiert, aber alle Raps sind so eingespielt wie ich jetzt zu dir rappe (rappt Zeilen aus „Crack Music“). Ganz direkt, ungeschönt, ungekünstelt. Allerdings: um eine bestimmte Stimmlage zu treffen habe ich einige Tracks solange wiederholt, bis ich zufrieden war. Manchmal habe ich auch mit meiner Stimme gespielt, sie gepitcht, bis ich die für mich perfekte Note getroffen habe. Auf jeden Fall war es nicht so, wie es das Rap-Handbuch vorschreibt.
Ihre erste Single „Diamonds“ war schon fertig produziert. Dann hat ihr Kollege Q-Tip ihnen von der Kinderarbeit beim Diamantenschürfen in Westafrika erzählt. Nun heißt der Song „Diamonds From Sierra Leone“. Gab es viele solch spontaner Änderungen auf dem Album?
Das Album musste schnell fertig werden. Es gab eine Menge Skizzen und oft hing ich auch ein wenig in der Luft. Ich hatte mir wie bei „College Dropout“ kleine Füller zwischen Stücken ausgedacht. Mir gefallen sie, aber nicht jeder empfand das auch so. Ich finde, mit meinen Alben verhält es sich wie mit Kill Bill 1 und Kill Bill 2. In Teil 1 wird mehr gequatscht, in Teil 2 mehr gekillt. Aber du musst beide Teile gesehen haben, um die Zusammenhänge zu begreifen. Ich glaube bei meinem neuen Album geht es mehr um’s killen.
Erykah Badu singt auf ihrem letzten Album darüber, warum „back in the days“ alles cooler war. In dem Film „Brown Sugar“ sinnieren die Protagonisten darüber nach, warum HipHop nicht mehr „real“ ist, seinen Bestimmung verloren hat und nur noch dicke Autos und scharfe bitches zählen. War HipHop früher besser, ehrlicher?
Moment mal: Dies ist die gute, alte HipHop-Zeit! Ich liebe den heutigen HipHop. Wir haben 50 Cent, Jay Z. Eminem. Es gibt so viel, was in den letzten Jahren passiert ist – und mir gefällt. Letztes Jahr kam „College Dropout“ raus, davor Jay Z’s Black Album, davor Eminem. Aber die Leute quasseln nur, dieses Jahr war viel besser als jenes Jahr. Alles Bullshit. Wenn du jemand 1994 gefragt hättest, wer damals cool war, dann werden die Namen fallen, die dir auch heute dazu einfallen. Es wurde seit jeher unheimlich viel Scheiße produziert, aber nur wenige, wirklich gute Sachen. Selbst in den glorreichen Soul-Tagen von Marvin Gaye war das nichts anders. Warum gibt es so viele Soul-Samples aus den 70ern, die noch nie jemand gehört hat? Weil es keine Hits waren. Aber manchmal ist doch ein einziger, brauchbarer Song auf einem Album. Den nehmen wir, rappen darüber und machen daraus einen Hit. So läuft das.
Was ich sagen will: wenn du in die Musikgeschichte blickst, gibt es halt nur wenige Marvin Gayes, Curtis Mayfields oder Stevie Wonders. Auch heute gibt es nur wenige Lauryn Hills und Kanye Wests.
Gibt es Produktionen, die sie besser nicht gemacht hätten?
Nein. Alle meine Produktionen haben mich dorthin gebracht, wo ich jetzt stehe. Gott hat mir dieses Geschenk gegeben. Wenn ich also jemand mit meiner Gabe weiterhelfen kann, ist es okay für mich.
In dem Song „Bring Me Down“ rappen sie aber, viele Rapper würden ihre Beats nicht verdienen. Kann es sein, dass sie das HipHop-Metier frustiert?
Hey, mal ehrlich, im HipHop geht es doch nur um das eine: das du der Beste bist. Das Ego lässt es nicht zu, dass du was anderes bist, als der beste Rapper. Wenn jemand der Beste im HipHop ist, kann ich ihn ja nicht gemeint haben. Es fühlt sich also niemand angesprochen.
Auf Commons Album rappen die Black-Power-Poeten Last Poets. Auf ihrem Album vertretten sie bei dem Song „Crack Music“ die These, die CIA hätte die Black Panthers dank Crack ausgeschaltet. Der Song „Angel Dust“ aus den 80er-Jahren von Gil Scot-Heron vertritt ähnlich Theorien. War dieser Song ein Einfluss?
Nein, diesen Song hatte ich nicht im Hinterkopf. Aber Gil Scott-Heron hat mich indirekt beeinflusst. Die Grundfrage ist: warum enden alle diese selbstbewussten, starken Helden beim Heroin? Gil Scott-Heron hat mich insofern beeinflusst, weil er ein Revolutionär war, der sagte, was er dachte. Aber er ist von Heroin abhängig geworden und jetzt ein Wrack. Das werde ich nicht zulassen. Ich lass mich nicht infiltrieren, von keinem Regime, von niemandem.
Einen Kayne West-Song ließ sich am besten aufgrund Mickey-Mouse-mässig hochgepitchter Soul-Stimmen erkennen. Auf Commons als auch auf ihrem Album gebrauchen sie diesen Effekt nur noch selten.
Ganz ehrlich: Ich habe immer Sänger in ihrem normalem Tempo, die in ihrem ureigenen Register singen wie Ray Charles, Shirley Bassey oder Otis Redding, geschätzt. Der Grund, warum ich die Stimmen schneller gemacht habe, ist ganz einfach: ich musste sie den schnelleren Songs anpassen.
Mittlerweile steh ich sehr auf einen authentischen, warmen Sound.
Sind sie ein Beatdigger, der jede freie Sekunde in Second-hand-Läden nach seltenen Vinyl-Scheiben zum Sampeln kramt?
Ich gebe nicht viel Geld für Tonträger aus, dafür aber viel für Klamotten . Ich liebe es, shoppen zu gehen. Ich kaufe mir oft CDs für 9,99 Dollar. Davon habe ich hunderte. Ich sitze dann im Studio, schaue Fernsehen und skippe mich durch die Stücke. Wenn mir der Sound eines Stückes gefällt, suche ich mir die Stelle, die ich samplen möchte und markiere sie. Manchmal dauert diese Prozedur zwei Tage, bevor ich einen Beat finde. Manchmal schaffe ich vier, fünf Beats am Tag.
Inwiefern sind ihre Songs persönliche Statements?
In „Bring Me Down“ spreche ich über mich selbst. Bei „Sierra Leone“ fühle ich mich eher wie in Botschafter. Musik kann so viele Stimmungen ausdrücken. Jay Z etwa spricht mit seiner ganz individuellen Stimme. Talib Kwali hingegen hat die Stimme eines Botschafters. Ich mag beides.
In dem Song „Gone“ klingen sie ein wenig frustriert. Woran lag’s?
Ich war frustriert mit dem Video-Konzept zum Song „Gold Digger“, der Sklaverei thematisiert. Irgend jemand wollte mir erzählen, ich könnte dieses Thema nicht in einem Video behandeln. Das wäre ein sensibles Thema, undsoweitersundsofort. Für mich war dieses Thema stets präsent. Bereits als kleiner Junge hat mir meine Mutter unentwegt darüber erzählt. Nicht nur weil es meine Vorfahren betraf, sondern auch wegen dieser modernen Art von Sklaverei. Wir alle sind Sklaven von materiellen Dingen, Vorstellungen, Abhängigkeiten. Mental haben wir immer noch Ketten um. Es gibt diese Zeile von Kwali, an die ich mich nicht ganz erinnere. Aber es geht in die Richtung: Welcher Sklave hat die schönsten Ketten? Genau darum geht es.
Aber sie behandeln nicht nur sozialkritische Themen. In „Celebration“ geht es wohl doch am ehesten darum, ganz profan einen drauf zu machen?
Man kann auf so vieles einen Toast oder ein Glas Champagner ausbringen. Einen neuen Job, ein neues Auto. Dass Mann oder Frau sich zum Liebe machen gefunden haben. Und es geht natürlich um „bitches“. Denn das ist es, was im HipHop wirklich wichtig ist (schmunzelt).
Lassen sie sich von der Musikindustrie vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben?
Hey, es ist doch klar: sie haben das Geld. Sie können also Forderungen stellen. Aber das läuft nur im beidseitigem Einvernehmen. Wenn ich genug Einfluss und Macht habe, kann ich auch mehr erreichen. Natürlich gab es Fragen, warum ich mir einen teuren Co-Produzenten leiste? Schließlich bin ich der gefragteste Produzent weit und breit. Ich möchte meine Musik auf das höchstmöglicher Level führen. Und das kann ich nur aus einer starken Position heraus, die man sich erarbeiten muss.
Die meisten Tracks auf „Late Registration“ klingen als wären sie live eingespielt. Wer war alles an dem Album beteiligt.
Wir haben tatsächlich einen Riesenaufwand betreiben. Ich habe mich an Stevie Wonders „Songs In The Key Of Life“ orientiert. Im Studio war ein 20-köpfiges Orchester, wir haben viel mit 70er-Jahre-Equipement gearbeitet. Als Gaststars sind unter anderem Jamie Fox, Maroon 5, John Legend und Brandy mit dabei.
Welche Musik hat sie zuletzt beeindruckt?
Systems of A Down. Die Black Eyed Peas finde ich toll. Ihre Produktion ist einfach unglaublich gut. Es gibt so viele Produzenten, die sich Sachen bei ihnen abschauen. Mich eingeschlossen. Sie haben viel erreicht und dabei oft Grenzen überschritten. Den Satz „Gibt’s nicht“ gibt es bei mir nicht. Alles ist möglich: das ist mein Leitmotiv. Was höre ich noch gerne? John Mayer, Portishead, 50 Cent. Franz Ferdinand ist eine meiner Lieblingsbands überhaupt.
Was macht sie ausser Musik noch enthusiastisch?
Architektur. Design. Das Video zu „Diamonds“ haben wir in Prag gedreht. Eine tolle Stadt, diese alten Bauwerke. Ich liebe antike Architektur. Mein Haus in L.A. ist ganz in Mamor, mit antiken Möbeln und Skulpturen. Eine weitere Passion von mir: Videos zu bearbeiten.
Interview: Bernd Schwope