Interview mit Norah Jones
Mit 32 Millionen verkaufte CDs ihrer ersten beiden Alben „Come Away With Me“ und Feels Like Home“ ist Norah Jones die erfolgreichste Pop-Sängerin des 21.Jahrhunderts. Ein Phänomen: in Zeiten von Casting-Wahn und Retorten-Pop stürmt Mrs. Jones die Charts mit leisen, besinnlichen Folk-Jazz-Pop. Ihr neues, drittes Album „Not Too Late klingt fast noch ruhiger, besinnlicher, aber auch abwechslungsreicher. Bernd Schwope sprach mit Norah Jones über Erfolgsdruck, rückwärts laufende Gitarren und die Magie des Moments
Frau Jones, ihre ersten beiden Alben haben sich weltweit 32.Millionen mal verkauft. Sie haben 7 Grammys gewonnen und mehr als 80 Platin-Auszeichnungen in über 40 Ländern erhalten. So schön das ist: Ist damit nicht auch ein enormer Erfolgsruck verbunden, es noch besser machen zu müssen?
Norah Jones: Nein, gar nicht. Ich mache wirklich nur, was mir auch tatsächlich am Herzen liegt. Ich habe meiner Plattenfirma nicht mal erzählt, dass ich ein Album aufnehme.
Zwischen „Feels Like Home“ und ihrem neuen Album „Not Too Late“ liegen drei Jahre. Weshalb hat es solange gedauert?
Jones: Nach dem Rummel um meine Person brauchte ich erstmal eine Auszeit. Doch nach zwei Jahren Pause griff ich fast automatisch wieder zur Gitarre und verfasste Songs. Ich konnte nicht anders. Mein Produzent Lee Alexander und ich haben einfach zu Hause im Studio angefangen, Songs aufzunehmen. Es war alles sehr entspannt, ein ganz natürlicher Prozess.
Sie meinen: das Album ist quasi nebenbei entstanden?
Jones: So einfach war es auch wieder nicht. Aber wir haben darauf geachtet, möglichst oft die Magie des Moments einzufangen. Über die Hälfte der Songs sind im ersten Anlauf ohne Probe eingespielt worden. Aber es passierte auch, dass wir nicht auf den Punkt kamen. Dann sind wir einfach in die nächste Kneipe gegangen, haben ein paar Bier getrunken. Das hat dann wunderbar geklappt.
Sie nehmen sich dabei die Freiheit ungewohnte Instrumentierungen einzusetzen: Celli, Posaunen, sogar eine rückwärts laufende Gitarre zu hören.
Jones: Eine lustige Idee. Wir haben einfach die eingespielte Gitarre am Mischpult rückwärts laufen lassen, es passte einfach perfekt zu dem Song .
War das ihre Idee? Sind sie der Boss im Studio?
Jones: Die letzte Entscheidung liegt schon bei mir. Meist aber ist es ein demokratischer Prozess. Ich bringe Ideen ein, die Musiker, der Produzent ebenfalls. Die Idee mit der rückwärts laufenden Gitarre hatte dabei unser Tontechniker. Wir probierten im Laufe der Produktion vieles aus. Es brauchte seine Zeit.
Und? Hat sich die Zeit für sie gelohnt?
Jones: Ich bin sehr stolz darauf, alle Songs selber oder als Co-Autorin geschrieben zu haben. Ich denke, dass „Not Too Late“ eine wenig anders klingt als die Alben zuvor. Ich sehe es als Weiterentwicklung. Das Album gibt einfach mehr Stimmungen wieder. Auch wenn das Album sehr ruhig klingt, ist viel Energie zu spüren.
Glauben sie ihr Erfolg beruht auf dem Bedürfnis der Menschen in dieser hektischen Zeit nach Momenten der Besinnung?
Jones: Ich habe mir jedenfalls nicht vorgenommen mit meiner Musik die Welt zu verändern. Aber natürlich brauchen die Menschen in dieser schnelllebigen Zeit Momente der Reflektion, des Innehaltens. Wenn meine Musik ihnen dabei hilft: warum nicht?
Luft und Liebe sind nicht mehr die alleinigen Themen ihrer Songs. Wenn sie in dem Song „My Dear Country“ „Ich kann niemanden mehr trauen“ singen, ist das doch wohl politisch gemeint, oder?
Jones: Natürlich beschäftige ich mich damit, was um mich herum passiert. Doch ich würde nie einen Protestsong schreiben. Ich stelle mehr Fragen, als das ich Antworten liefere. Was ich weiß ist: so kann es nicht weitergehen. Wir brauchen einen Wechsel. Nicht nur in den USA, auf der ganzen Welt.
Andererseits können sie in ihren Texten sehr ironisch werden: so kannte man sie vorher auch nicht.
Jones: Ich kann durchaus über mich selber lachen. Ich halte das Album für sehr humorvoll.
Wie haben sie die zwei Jahre Pause vom Showgeschäft verbracht?
Jones: Es war einfach nur gut, wieder mal normal zu sein. Ich habe aber nicht aufgehört Musik zu machen. Mit Bands bin ich mal in Clubs, mal in Billardhallen aufgetreten. Wie damals, als mich noch niemand kannte.
Ihre Alben erscheinen auf dem renommierten Jazz-Label Blue Note. Jazz ist das aber nicht, was sie singen. Wie sehen sie sich selbst?
Jones: Als der Kontakt mit Blue Note zustande kam, war es mein Ziel, Jazz-Sängerin zu werden. Mir war aber auch klar, dass ich meinen eigenen Weg finden mußte. Ich wollte originelle, eigenständige Songs singen und keine aufgewärmten Jazz-Traditionals. Als der Plattenvertrag stand, habe ich den Verantwortlichen von Blue Note meine Songs vorgespielt. Sie haben diesen Richtungswechsel mitgetragen. Nicht zu ihrem Nachteil.
Als erfolgreiche Künstlerin dürften sie ausgesorgt haben. Machen sie sich noch große Sorgen um die Zukunft?
Jones: Ich ändere mich ständig, die Welt ändert sich ständig. Es passiert so viel im Augenblick. Da muss ich nicht noch wissen, was in der Zukunft läuft.
CD Norah Jones: Not Too Late (Blue Note/EMI)
Interview: Bernd Schwope